S.H. Lungtok Tenpai Nyima (1929-2017)

Seine Heiligkeit Lungtok Tenpai Nyima, der 33. Menri Trizin, war der weltweite spirituelle Anführer der Bön-Traditio und Abt des Klosters Menri in Dolanji, Indien. Er verstarb am 14. September 2017.

Seine Heiligkeit wurde 1929 im Dorf Kyongstang in der östlichen Provinz Amdo in Tibet geboren. Seine Mutter starb als er noch recht jung war und ein älterer Freund der Familie, A-Nyen Machen, bot an ihn aufzuziehen. Im Alter von acht Jahren wurde er von seinem Vater in ein nahegelegenes Kloster, Phunstog Dargye Ling, gebracht, wo er mit vorbereitende Studien, wie lesen, schreiben und chanten begann. Der junge Mönch setze seine Studien dort fort und trat mit 16 Jahren der klösterlichen Dialektik-Schule bei. Dort nahm er an einem achtjährigen, strengen Training unter der Leitung von Lopön Tenzin Lodro Gyatso teil und erhielt seinen Geshe-Grad in Philosophie mit einem Fokus auf tibetischer Medizin, Astronomie und Astrologie.

Im Alter von 26 Jahren reiste der junge Geshe in die Provinz Gyalron im Osten Tibets, wo er die Aufgabe übernahm den Bön-Kangyur zu drucken: eine bedeutsame Reihe heiliger Texte, die aus mehr als 100 Bänden besteht. Der Druck wurde durch Holzschnitte, die sich im Besitz des Königs Trochen Gyalpo befanden, einem der 18 Königreiche Gyalrong, geschaffen. Seine Heiligkeit transportierte die Texte per Maultier in einer sechs Monate andauernden Reise zurück nach Phuntsog Gargy Ling.

Bald nach seiner Rückkehr trat er zu Fuß eine Pilgerreise nach China an, während der er zahlreiche heilige Stätten besuchte und in die Tsang Provinz in Zentral-Tibet reiste. Er vertiefte seine Studien in den Bön-Klöstern Khana, Menri und Yungdrung Ling, wo er als Sangye Tenzin Jong Dong bekannt wurde.

Leben im Exil

Später reiste Sangye Tenzin Jong Dong per Lastwagen zum Drepung Kloster in Lhasa, Tibet. Dort verblieb er bis zum gewaltsamen Aufstand von Lhasa 1959, als demonstrierende Tibeter und Soldaten der chinesischen Besatzer an einander gerieten. Zu dieser Zeit waren der 14. Dalai Lama und ca. 80.000 Flüchtlinge, darunter viele Bönpo-Lamas, dazu gezwungen über den Himalaya in Nachbarländer zu fliehen. Sangye Tenzin Jong Dong selbst entkam zu Fuß in den Bezirk von Mustang, Nepal, und dann weiter in das Landesinnere.

Bald schloss er sich S.H. Sherab Tenpa Gyaltsen (dem Abt des Yungdrung Ling Klosters) und vielen anderen Bönpo-Lamas im Kloster von Samling an, einem sehr alten und bedeutungsvollen Mön-Kloster in Dolpo, Nepal. Mit der Zeit siedelten sie alle in die Täler von Nepal um.

Da sie zu Fuß aus Tibet flohen, blieb den Bön-Lamas keine andere Wahl als die zahlreichen, kostbaren Texte, die wesentlich für das Studium und die Praxis des Bön waren, zurückzulassen. Viele dieser Texte wurden später durch die Chinesen zerstört. Daher wurde es unerlässlich für den Erhalt der Bön-Tradition sich um die Wiederveröffentlichung der wenigen verbliebenen Texte zu bemühen. Diese konnten oft nur in abgelegenen Gegenden des Landes gefunden werden. Seine Heiligkeit kehrte letztlich ins Samling Kloster zurück, um Texte zu diesem Zweck auszuleihen. Dort traf er auf Dr. David L. Snellgrove, einen Forscher der Orient- und Afrikastudien der Universität von London, der an Forschungsarbeit in Samling beteiligt war. Auf Anraten Dr. Snellgroves reisten Seine Heiligkeit und der Abt von Yungdrung Ling nach Neu Dheli, um die Texte des Klosters nachdrucken zu lassen. Seine Heiligkeit arbeitete mit Santen Gyaltson Karmay und Lopön Tenzin Namdak Rinpoche an diesem Projekt.

1962 lud Dr. Snellgrove die drei Männer ein, ihn unter einem Stipendium der Rockefeller Foundation nach England zu begleiten. Als Dr. Snellgroves Assistenten lehrten sie tibetische Kultur und Religion. Geshe Sangye Tenzin Jongdong blieb für drei Jahre in England, während dieser Zeit besuchte er auch Benediktiner-, Zisterzienser- und andere christliche Klöster studierte dort. 1964 reiste er nach Rom, wo er eine Privataudienz mit Papst Paul VI erhielt.

Ein Neubeginn für Bön

Später im selben Jahr kehrte er nach Indien zurück und gründete auf Wunsch Seiner Heiligkeit den 14. Dalai Lama eine Schule in Massori, Nordindien, die mit freiwilligen Lehrern aus dem Westen besetzt und von britischen Sponsoren gefördert wurde. Die Schule war ein Ort für tibetische Flüchtlingsjungen, an dem sie eine Mittelschul-Ausbildung erhalten konnten. Fast drei Jahre lang diente er als Schulleiter und spendete sein monatliches Gehalt von 300 Rupien für den Unterhalt von geflohenen Bönpo Mönchen, die in Manali, Indien, lebten.

1966 reiste Geshe Sangye Tenzin Jong Dong auf Einladung des tibetischen Gelehrten Per Kvaerne nach Norwegen um tibetische Geschichte und Religion an der Universität von Oslo zu lehren.

Kurz darauf, im Jahre 1967 kaufte Lopön Tenzin Namdak mit der Hilfe des katholischen Hilfswerks in Neu Dheli Land in der Region von Himachal Pradesh in Indien und etablierte Dolanji als Heimat für die tibetische Bönpo-Flüchtlingsgemeinschaft.

Der Weg zum Abt

Auf den plötzlichen Tod des 32. Abtes von Menri hin, wurde S.H. Sherab Tenpa Gylatsen (der Abt von Yungdrung Ling, Tibets zweitwichtigstem Kloster) der vorübergehende spirituelle Anführer der Bön-Tradition in Indien. S.H. Sherab Tenpa Gyaltsen ordnete bald eine Zeremonie in Dolanji an, um einen dauerhaften Nachfolger für den verstorbenen Abt zu finden.

Am 15. März 1968 erreichte Sangye Tenzin Jong Dong in Norwegen ein Telegramm aus Indien, das besagte, dass die Schützer des Bön ihn als den 33. Menri Trizin, Abt von Menri und spirituellen Führer der Bönpos, auserwählt hatten.

Unter seinem neuen Namen und Titel, Seine Heiligkeit Lungtok Tenpai Nyima, übernahm er seine Pflichten als spiritueller Anführer der Bönpos in Dolanji. Seine Auserwählung kam zu einer sehr kritischen Zeit in der langen Geschichte der Bön-Tradition, als die uralten Belehrungen und die Linie der Lehrer kurz davor standen für alle Zeit verloren zu gehen. Die Bönpos würden sich auf diesen neuen Anführer verlassen, um in einem fremden Land einen Neubeginn zu bewerkstelligen.

Viele Lamas aus Tibet, Nepal und Indien reisten an, um ihre Initiationen und Belehrungen zu geben und der neue Abt trainierte über ein Jahr intensiv für seine neue Rolle. Langsam, mit der Zeit, war es Seiner Heiligkeit möglich ein neues Kloster Menri in Dolanji zu erbauen und nachfolgend eine Bön Dialektik-Schule, die Gesche-Grade mit Zertifikaten vergeben würde, die von S.H. dem 14. Dalai Lama anerkannt wurden. Der Abt gründete ebenso ein Waisenhaus für Bön-Kinder im Kloster, bekannt als das „Bön Children’s Welfare Center“:

Heute besteht das Menri Kloster aus ca. 100 Mönchen. Das Bön-Kinderheim in Dolanji stellt Wohnraum für 115 Kinder aus der Himalayaregion zur Verfügung, die eine Ausbildung im Einklang mit ihrer Kultur erhalten. Die „Central School for Tibetans“ in Dolanji bildet die Kinder Dolanjis sowie die des „Bön Children’s Welfare Center“s und des Bön-Kinderheimes aus. Gegenüber von Menri, auf der anderen Seite des Tals, wurde jüngst ein Frauenkloster erbaut – die erste Einrichtung dieser Art für Bönpo-Nonnen in Indien.

Der Ort Donlanji beherbergt nunmehr über 400 Bönpos und ist das Zentrum der tibetischen Bön-Kultur und Religion.

Das Kloster Menri dient nun als Sitz aller spirituellen und administrativen Aspekte der Bönpos weltweit. Der Abt Menris, S.H. Lungtok Tenpai Nyima, überwacht alle klösterlichen Belange und dient als weltweiter spiritueller Anführer des Bön. In den letzten Jahren hat er oft auf Einladung Tenzin Wangyal Rinpoches und anderen an Ligminchas Serenity Ridge Retreatzentrum und andernorts im Westen unterrichtet.

Die Auswahl eines Abtes

In der tibetischen Bön-Tradition wird der Menri Trizin von den Schützern durch einen Weissagungsprozess ausgewählt.

Der 33. Menri Trizin wurde auf folgende Weise ausgewählt: Die Namen aller zehn Geshes, die in Frage kamen, wurden auf ein kleines Stück Papier geschrieben. Die Papierstücke wurden dann in einer kleinen, zeremoniellen Kugel aus Gerstenmehlteig und heiliger Medizin umschlossen.

Jede Teigkugel enthielt einen Namen und wurde dann in einer Vase platziert. 14 Tage lang vertieften sich S.H. Sherab Tempa Gyaltsen, Lopon Sangye Tenzin, Lopon Tenzin Namdak und ca. zehn weitere Bönpo-Geshes in Gebete und Rituale im Drup Khang, dem Tempel der Schützer. Nach Beedigung der Gebete und Rituale schüttelte S.H. Sherab Drup Gyaltsen die Vase und drei Kugeln kamen nacheinander zum Vorschein und landeten auf einem besonderen Mandala.

Die Vase wurde dann von den verbleibenden Kugeln geleert, durch die drei Kugeln ersetzt und der Prozess von neuem begonnen. Diesmal wurden nur zwei Teigkugeln herausgeschüttet, eine nach der anderen. Inmitten von Initiation und Ritualen wurde die erste Kugel geöffnet um den Namen von Geshe Sangye Tenzin Jong Dong preiszugeben: der eine, wahre Abt von Menri und der neue spirituelle Anführer der Bön-Tradition. Die zweite auserwählte Person würde mit einer hohen Position als Lehrer unter den Bönpos honoriert werden.

In Norwegen hatte Geshe Sangye Tenzin Jong Dong in der Nacht bevor er das Telegramm erhielt einen Traum, dass er und der Mann der als zweite ausgewählt wurde, sich gemeinsam auf einem Tempel befanden, jeweils eine Schneckenmuschel haltend, die als Signalhorn während spezieller Moment in Ritualen erklingt. Ein starker Sturm zog plötzlich auf, blies die Schneckenmuschel aus der Hand des zweiten Mannes und ließ sie zu Boden fallen, wo sie zerbrach. Trotz des schrecklichen Sturms war Sangye Tenzin Jong Dong in der Lage, seine Schneckenmuschel fest im Griff zu behalten und sie erklingen zu lassen.